Die juristische Analogisierung digitaler Inhalte

In recht kurzer Abfolge wurden (mir) zwei Gerichtsurteile bekannt, die auf bedauerliche Weise zeigen, dass Gerichte der Argumentation der Verleger und Musik-Labels folgen und sich von diesen soufflieren lassen, Geschäftsmodelle, die auf der Erstellung kreativer Inhalte basieren, können nur funktionieren

  1. durch Verknappung
    und
  2. durch Analogisierung – womit ich meine, dass digitale Güter all ihrer Vorzüge (z.B. leichte Verbreitung und Adaptionstauglichkeit) beraubt werden und in ihren Funktionalitäten Medien der vordigitalen Zeit angepasst werden.

Dabei sichern sich die Vertreiber der Inhalte (Labels, Verlage) meist vorab gegen finanziellen Misserfolg ab, in dem Autoren und Musiker Veröffentlichungen finanziell bezuschussen. Die Verknappung nutzt zudem in aller Regel nur den Vertreibern, da die Schöpfer ihnen in einem so genannten Buy-Out alle finanziellen Verwertungsmöglichkeiten übertragen.

Ich will nicht weiter ins Detail gehen, bald sollte ein Artikel von mir dazu erscheinen. Allerdings ärgere ich mich gerade ein wenig darüber, dass ich den Stoff in einer wissenschaftlichen Zeitschrift unterbrachte und nicht journalistisch, denn damit beraube ich den Text jeder Reichweite und Aktualität. Journalistisch publiziert bekäme ich sogar noch (ein wenig) Geld für den Content.

Hier die Links zu den bedauerlichen Informationen:

Das Landgericht Bielefeld befand den Weiterverkauf von Ebooks und Hörbüchern als illegal, Klaus Junkes-Kirchen überbrachte die schlechte Nachricht in der INETBIB – ihm sei dennoch dafür gedankt. Heise Online, das Bloggern ja bittet, das Leistungsschutzrecht für Heise-Inhalte zu ignorieren und die ich daher gerne mit Links belohne, berichtete schon vor einiger Weile durch Daniel Sokolov, ein US-Bundesgericht habe den Weiterverkauf von Musik-Dateien für illegal erklärt.

Diese Urteile sind noch fataler als die oben beschriebenen technischen Einschränkungen: Die rechtlichen Auflagen limitieren die Nutzungsmöglichkeiten, die beim Erwerb digitaler Güter zugestanden werden, dermaßen, dass digitale Objekte wertloser als ihre analogen Pendants werden. Ein gedrucktes Buch oder eine Audio-Cd kann ich zumindest verkaufen oder verleihen so wie ich es mag. Ganz ähnliche, groteske Auswüchse deuteten sich durch die Klage des Wissenschaftsverlages Wiley gegen einen Studenten an, der legal erworbene Bücher weiterverkaufen wollte: Allerdings handelte sich hier sogar um gedruckte Werke. Details finden Interessierte in einem älteren Posting.

 

DRM, Amazon, E-Books & Lizenzen: Ein Lehrstück

Eines vorweg: Ich stehe E-Books als Technik sehr, sehr positiv gegenüber, ertrage aber die Drangsalierung der Nutzer digitaler Medien (wie E-Books) durch Verlage, Distributoren und Lizenzverwalter nicht sehr gut. Oder wie Sarah Houghton es in „I’m breaking up with eBooks (and you can too)“ formulierte: „I mean the whole messed up situation–the copyright nightmares, the publishers, the fragmented formats, the ridiculous terms of service, the device incompatibility, the third-party aggregation companies libraries do business with–all of it.“

Aber zum Thema. Gerhard Fröhlich (Universität Linz) hat mich mal wieder auf eine interessante Meldung gestoßen: Amazon hat, so Patrick Beuth in ZEIT Online (unter dem Titel „Lesen verboten„), das Kundenkonto einer Nutzerin unter dubiosen Umständen deaktiviert und ihr damit den Zugriff auf alle im Amazon-Store erworbenen (pardon: lizenzierten) Ebooks gesperrt. Beuth hebt in dem Artikel eher auf die Willkür des Konzerns und dessen mangelhafte Kommunikation mit der Kundin ab, meiner Meinung nach vergegenwärtigt der Vorfall einfach wieder die DRM-Malaise, das Vernageln von digitalen Inhalten mit Techniken des Digital Rights Managements.

Während man ein gedrucktes Buch benutzen, weitergeben, wegwerfen, lesen oder generell auf nahezu jede erdenkliche Art benutzen kann, wie man es mag, ist dies bei DRM-bewehrten Dateien nicht der Fall. Denn im Gegensatz zum gedruckten Buch besitzt man die Datei (resp. das E-Book) nicht, man hat meist nur eine Nutzungserlaubnis gekauft – und die kann dem Nutzenden leicht wieder entzogen werden. In der Printwelt konnte der, zugegebenermaßen schwerfällige, Informationsträger (gebundes Papier) eben nicht vom Inhalt getrennt werden, in der digitalen Welt kann der Informationsträger (die Datei) zwar in meinen Händen verbleiben, der Zugriff auf den immateriellen Inhalt (den Text) aber versagt werden.

Dabei ist es ja gerade zu obszön, dass die Vorteile digitaler Medien (sie können ohne Qualitätsverlust beliebig verbreitet, genutzt, kombiniert werden, sie können maschinell verarbeitet werden, etc. etc.) durch DRM derart kupiert werden, dass sie in vielerlei Hinsicht geringeren Wert als Print-Erzeugnisse vorweisen: Amazon dürfte kaum bei der betroffenen Nutzerin vorgesprochen haben, um alle von ihr über den Dienstleister erworbenen Bücher wieder einzusammeln. Digitale Medien entfalten, das ist meine Überzeugung, ihren Nutzen nur, wenn sie keine technischen Nutzungseinschränkungen kennen (und, z.B. im Falle wissenschaftlicher Werke, idealerweise zusätzlich unter offenen Lizenzen verfügbar sind). Amazon und andere E-Book-Anbieter verkaufen dem Nutzer aber meist nicht die E-Book-Datei und die Hoheit über deren Verwendung, sondern nur ein Nutzungrecht, das sie ihm wieder entziehen können. Damit sind die Leser aber enteignet, Syun Tutiya brachte diesen Fakt auf den Punkt, als er mir in asiatischer Klarsicht eröffnete: „This is silly. You can not buy a right.“

Apropos Informationsträger: Eigentlich sollte der Produktionsaufwand des Informationsträgers dessen Preis maßgeblich mitbestimmen und eine E-Book-Datei zu kopieren ist fast kostenlos. Dann ist schon fraglich, warum George Orwells Werk 1984 als gedrucktes Buch bei Amazon 9,95 € kostet, das Kindle E-Book aber kaum billiger ist und für dann doch 8,99 € zu erstehen ist. Kurzum: Die Informationsverbreiter nutzen die erwähnten Vorteile digitaler Medien durchaus, um eine möglichst hohe Gewinnspanne zu erzielen, verwehren den Nutzern aber die selben Nutzungsmöglichkeiten. Nur um den Einwänden vorweg zu greifen: Ich weiß es, die 8,99 €, die für das E-Book fällig werden, beinhalten auch Kosten für die Lizenzierung des Inhalts. Dennoch: Das E-Book müsste deutlich billiger zu haben sein als das gedruckte Buch. Neue Geschäftsmodelle, die E-Books nicht in technische und rechtliche Zwangsjacken stecken, sind dabei durchaus möglich, Heise online berichtete gestern vom Verkaufserfolg DRM-freier E-Books: Kunden der Plattform Humblebundle erhalten nicht nur Dateien, die frei von Digital Rights Einschränkungen sind, sie können auch den Preis der Werke mitbestimmen.

Apropos Orwell: Amazon hat sich 2009 mit Orwells 1984 ja hübsch blamiert. Damals verschwand der Text urplötzlich von allen Kindles, obwohl die Leser das E-Book völlig legal bezogen hatten, denn Amazon hatte bei den Lizenz-Verhandlungen geschlampt und nicht die notwendigen Rechte zum elektronischen Vertrieb des Buches (s. dazu auch SPIEGEL Online:Amazon löscht digitale Exemplare von „1984“). Ein bisschen Häme kam damals schon auf, war es doch recht peinlich für Amazon mit Sicherheit und Authentizität der E-Book-Technik zu werben, nur um kurz darauf ein Buch, das die Manipulierbarkeit von Informationen thematisiert, von allen Lesegeräten löschen zu müssen.
Apropos Einkaufswagen: Müsste der im Falle der Bestellung eines E-Books bei Amazon nicht besser „Lizenz-Korb“ oder „Miet-Konto“ genannt werden?
Apropos E-Books: Sarah Houghton äußerte sich wie erwähnt in ihrem Posting „I’m breaking up with eBooks (and you can too)“ sehr geistreich zum Thema E-Books – ein wahre Leseempfehlung.
Apropos Lizenzen: Ein älteres Posting im [scinoptica] Blog skizzierte unter dem Titel „Wegen Verkaufs legal erworbener Bücher: Gericht verurteilt Student zu 600.000 US-Dollar Strafe“ ebenfalls wie Copyright die Nutzung legal erworbener Medien pervertiert – in diesem Fall handelte es sich sogar um Printwerke, keine E-Books. Auf das Thema gebracht hat mich, damals wie heute, Gerhard Fröhlich, von dem ich mir wünsche, er würde bloggen.

Cambridge University Press: Neues Geschäftsmodell

Cambridge Journals, die Zeitschriftensparte der Cambridge University Press, kündigt ein neues Geschäftsmodell an: Mittels Article Rent können Nutzer, deren Einrichtung keinen Zugriff auf Artikel des Verlags haben, einen zum vollen Pay-Per-View (inkl. Dokumentdownload) vergünstigten Zugang zu wissenschaftlichen Texten erhalten. Dieser ist im Vergleich zum konventionellen Kauf eines Artikels (als full article ownership bezeichnet) günstiger: Für £3.99 ist es den Nutzern erlaubt einen Artikel innerhalb von 24 Stunden so oft sie mögen online zu lesen. Laut Engineering and Physical Science Research Council (EPSRC) liegt dieser Preis bis zu 86% unter dem Entgelt für den konventionellen Dokumentdownload. Der Zugriff erlaubt allerdings nur das reine Lesen des Artikels: Download, Ausdruck oder Kopieren von Inhalten sind nicht möglich.

Leider wendet dieses Modell das Geschäfts- und Verbreitungsmodelle papierner Information an und behandelt elektronische Information wie gedruckte, deren Vervielfältigung und Verbreitung kostenbehaftet ist. Zudem ignoriert es alle Vorzüge elektronischen Publizierens: z.B. Textmining, Volltextanalyse, ortsungebundenes Arbeiten und (dem Geschäftsmodell selbstverständlich widersprechend) interaktive Verlinkung. Und leider wirft es uns auf gewisse Art zurück ins Zeitalter vor Aufkommen des Buchdrucks: Wer einen wissenschaftlichen Artikel, für dessen Erstellung die öffentliche Hand zumeist ja gezahlt hat, über Article Rent bezieht und seinen Inhalt dauerhaft nutzen will, muss wohl wie ein Kopist eines mittelalterlichen Klosters den Text abtippen – oder eben per Screenshot kopieren – weil Cambridge Journals den immateriellen Inhalt über ein Medium verknappt. Und das stört am Begriff der full article ownership am meisten: Der immaterielle Inhalt, die wissenschaftliche Idee, sollte Teil der wissenschaftlichen Allmende sein, nur der Träger, die PDF, wirklich dem Verlag gehören. Es ist, und das meine ja nicht nur ich, Zeit zu diskutieren, inwiefern es geistiges Eigentum im Sinn einer besitzbaren (oder verleihbaren) Entität gibt.